Der Apostel mit der Brille

Karl-Martin Schabow vor der Darstellung im Mittelschrein. Die zwölf Apostel umringen das Totenbett, rechts der Apostel mit Brille.
Es handelt sich vermutlich um eine der ältesten plastischen Darstellungen einer Brille. Sie ist zunächst ein kleines, unscheinbares Detail im Mittelschrein des Marien-Altars der Bützower Stiftskirche und hat doch Seltenheitswert.

Quelle SVZ | von Claudia Röhr

 

BÜTZOW - "Ich habe sowas nie zuvor gesehen", sagt Bützows Pastor Karl-Martin Schabow. Zwar sei dem Geistlichen, als er nach Bützow kam, schon beim ersten Hinsehen die Brille auf der Nase des namenlosen Apostels aufgefallen. Ãœber die Bedeutung war er sich aber zunächst selbst nicht im Klaren. "Dass es etwas Besonderes ist, war mir aber schon bewusst", sagt Schabow.

 

Historiker Dr. Jürgen Hamel stach die Sehhilfe beim Betrachten des Bützower Altars ebenfalls ins Auge.

Er befasste sich eingehender damit und kam zu dem Schluss: "Es ist eine der Ältesten, möglicherweise sogar die überhaupt Älteste plastische Darstellung einer Brille und damit auch von Interesse für die Geschichte der Optik", sagt Hamel.

In dem Buch "Der Meister und die Fernrohre - Das Wechselspiel zwischen Astronomie und Optik in der Geschichte " habe sich der Autor Rolf Willach mit dem Verhältnis zwischen Brille und Fernrohr befasst und nahm auch Bezug auf einige frühe Abbildungen von Brillen.

Plastische Darstellungen von Brillen, etwa als Holzschnitzerei, seien selten, erst recht im Mittelalter. Im späten Mittelalter - 1503 - entstand der Bützower Marien-Altar. "Der Schweriner Bischof Konrad Lotse stiftete ihn", erzählt Karl-Martin Schabow. Im Mittelschrein ist der Tod Marias dargestellt.

Rings um ihr Totenbett stehen die zwölf Apostel. Einer von ihnen, dessen Name sich nicht zuordnen lässt, rückt mit der Hand an seiner Brille auf der Nase. "Ein bemerkenswertes Detail", sagt Jürgen Hamel.

Ein Detail, das Pastor Karl-Martin Schabow auch zum Nachdenken anregt. "Der Apostel könnte an seiner Brille rücken, um genauer hinzusehen", sagt Schabow. Vielleicht, weil er Marias Tod nicht fassen könne.

Ebenfalls denkbar: Der Apos tel weint und versteckt seine Tränen nicht hinter der Brille. "Dieser Apostel hat eine besonders traurige Mine", sagt der Pastor. Ihm sagt die ganze Szene an Marias Totenbett aber vor allem eins: "Man muss nicht einsam sterben." Restaurator Heiko Brandner kennt jedes Detail des Bützower Marien-Altars. Er hat ihn restauriert. "Die Brille habe ich immer als etwas Besonderes gewertet und herausgestellt", sagt Brandner.

 

Kunsthistorisch einordnen könne er die Darstellung nicht. Der Rostocker sagt aber auch: "Woanders habe ich sowas bislang noch nicht gesehen."

Auch Brandner kennt lediglich Darstellungen von Brillen auf historischen Gemälden.

Unbekannter Bützower Meister

Quelle SZV, erstellt von Wolfgang Severin-Iben

Neben dem Apostel mit der Brille (r.) macht Autor Wolfgang Severin-Iben auf weitere bemerkenswerte Details im Bützower Marien -Altar aufmerksam, zum Beispiel auf die roten "Puschen" unterm Bett und einen Nachttopf. Claudia Röhr

 

BÜTZOW - Im Dezember berichtete SVZ über den namenlosen Apostel mit Brille im Bützower Altar, ein besonderes Detail und eine der ältesten plastischen Darstellungen einer Brille. Der Bützower Marienaltar gibt weitere Rätsel auf.

Über den Schöpfer können selbst Experten nur mit Vermutungen aufwarten. Gewiss scheint, das Artefakt stammt aus einer der Werkstätten der so genannten Lübecker Schule.


Knifflige Besonderheiten auch in Skandinavien. Dort waren die Meister Bernt Notke und Claus Berg zur Entstehungszeit des Bützower Artefakts (ab etwa 1503) bestimmend. Denkbar wäre es, dass Notkes Hand, wegen der Schlichtheit und doch beschaulichen Wirkung der Figuren, hier mit im Spiel war.

Denkbar aber auch, dass ein Schüler des einen oder anderen Meisters, nebst der dazugehörenden Schnitz- und Malknechte, diese Arbeit getan hat.


Benedikt Dreyer oder Hans Brüggemann, beide grafisch abbildende Ästheten, können es mit ziemlicher Gewissheit nicht gewesen sein. Beide schufen ihre bedeutsamen Werke erst nach 1510.


Es ist unter Fachleuten bekannt, dass mehrteilige Bild- und Schnitzaltäre aus den Lübecker Werkstätten (der norddeutschen Schule) nach Skandinavien verkauft wurden. Einige jener Artefakte verweisen, ähnlich dem Bützower Meisterwerk, auf jene kniffligen Besonderheiten in den Details. Fachleute sprechen solche Altäre dem "unbekannten Bützower Meister" zu.


Der Bützower Altar, die Darstellung des Marientodes, jenes hochheilige Szenario, wird aber in verblüffender Weise noch von ganz anderen, ja volkstümlichen Details an Bedeutung gewinnen.

Anna Selbdritt, die Mutter Marias, ist dargestellt mit einem halb zugekniffenen Auge.

Da stehen die Hausschuhe Marias (die Puschen) vor dem Bett. Am Fußende steht ein Nachttopf, ganz so, wie es sich für einen bürgerlichen oder auch bäuerlichen guten Haushalt ziemte.

Der unbekannte Meister: ein Schalk Gottes?


Der Meister dieses Altars könnte sich selbst am Kopfende Marias in der Apostelschar dargestellt haben, mit Brille, aber wohl doch in ehrlicher Ergriffenheit und im doppelten Sinne sehend für sich und die Betrachter, die Bewunderer seiner Arbeit über die Jahrhunderte hinaus.


Quellen: - Großer Sammelband Geschichte der deutschen Kunst 1470 - 1550, Architektur und Plastik, 1984, von Ernst Ullmann; - Diplomarbeit zum Bützower Altar.